Le Mans Classic, 30.06. bis 03.07.2022

Le Mans – eine Stadt mit rund 140’000 Einwohnern im Nordwesten Frankreichs im Departement Sarthe gelegen, wäre wohl nicht weltbekannt ohne die Rennstrecke im Süden der Stadt. Die Region Pays de la Loire ist den eher kulturell Interessierten ein Begriff für die vielen Schlösser, nach Le Mans aber geht man wegen des Motorsports. Weltberühmt wurde Le Mans durch seine Motorsportveranstaltungen, vor allem durch die 24-Stunden-Rennen von Le Mans mit dem weltweit schwersten Unfall von 1955 mit über 80 Todesopfern. Das Vorbild vieler Langstreckenrennen wird seit 1923 alljährlich Mitte Juni auf der 13,5 km langen Strecke Circuit des 24 Heures auf Landstraßen im Süden von Le Mans ausgetragen. Bereits 1906 fand in Le Mans unter Beteiligung von 32 Automobilen das erste Grand-Prix-Rennen der Welt statt. Ausserdem gibt es das 24-Stunden-Rennen für Motorräder sowie diverse weitere Motorsportveranstaltungen, unter anderem den Grand Prix von Frankreich der Motorrad-Weltmeisterschaft, die auf der kürzeren Variante der Rennstrecke, dem Circuit Bugatti stattfinden. Für die Liebhaber klassischer Renn- und Sportwagen findet jeweils anfangs Juli die Le Mans Classic, organisiert von Peter Auto und dem Automobile Club de l’Ouest, statt. Am Wochenende vom 30. Juni bis 03. Juli 2022 fand dieser absolute Top-Event zum 10. Mal statt. Für die Le Mans Classic wird das riesige Areal in einen grossen Festplatz verwandelt, mit einem ‚Village‘, wo rund 200 Firmen ihre Produkte und Dienstleistungen anbieten können. An vielen Sonderausstellungen werden interessante Exponate gezeigt und überall gibt es Restaurants und Verpflegungsmöglichkeiten. Ein paar Zahlen verdeutlichen, welche Dimensionen die Le Mans Classic hat. 8’500 Clubfahrzeuge waren ausgestellt, 1’000 Piloten waren am Start mit rund 750 Fahrzeugen und etwas mehr als 200’000 Besucher reisten an.

Le Mans Classic 2022, eine der zahlreichen Sonderausstellungen, hier Renn- und Sportwagen des französischen Herstellers Panhard

Das sind Dimensionen, die ungewohnt sind für einen Rennevent im Historischen Motorsport. Das gesamte Areal ist so riesig, da sind im Vergleich der Hockenheimring oder die Strecke in Monza bessere Kartbahnen. Distanzen auf dem Gelände in Le Mans müssen natürlich überwunden und zurückgelegt werden, was zu Fuss definitiv nicht mehr möglich ist – oder nur mit entsprechendem Zeitaufwand und Ausdauer. Und alles sehen kann man sowieso nicht. Für uns Fotografen standen Kleinbusse für den Transport an die gewünschten Stellen an der Strecke bereit. Für die Fahrer liessen sich die Organisatoren etwas Spezielles einfallen. Eine Armada von VW-Bussen stand zur Verfügung. Es waren aber keine überrestaurierten Show-Fahrzeuge, nein, die Fahrzeuge hatten deutliche Gebrauchsspuren, viele davon werden sonst als Camper benutzt, was an der Innenausstattung unschwer zu erkennen war. Dann gab es auch an der Le Mans Classics Gäste und ‚VIP’s“. Die durften sich auf lange Federwege freuen, sie wurden mit Citroën 2CV befördert. Diesen „Döschwo’s“ begegnete man ebenfalls überall auf dem Gelände. Für Zuschauer, die an weiter entfernt gelegene Orte an der Strecke gelangen wollten, standen einige historische Busse zur Verfügung, etliche davon aus der Westschweiz und dem Wallis.

Le Mans Classic 2022

Le Mans Classic, 30. Juni bis 03. Juli 2022. Mit diesen historischen Bussen wurden die Zuschauer an bestimmte Orte an der Strecke befördert.

Die grösste Attraktion aber waren natürlich die rund 750 Teilnehmerfahrzeuge, das waren eindeutig die Hauptdarsteller in Le Mans. Eingeteilt waren die Fahrzeuge in sogenannte Plateaux, 6 davon gab es, je nach Epoche zusammengestellt. Dann gab es Plateaux für spezielle Fahrzeuge, wie die Gruppe C oder eines für Porsche. Gefahren wurde jeweils 50 Minuten. In der ersten Runde waren die Felder noch relativ dicht beisammen, aber schon nach wenigen Runden zogen sich diese enorm in die Länge und trotz der Distanz von rund 13 Kilometern pro Runde gab es Überrundungen. Die ersten Fahrzeuge konnte man am Freitagmorgen ab 08.00 Uhr auf der Strecke sehen, der Freitag war bestimmt für Trainings, aber es wurden auch erste Rennläufe gefahren und zwar bis 02.55 Uhr, dann kehrte Ruhe ein auf dem Circuit de Mans. Aber nicht für lange, denn Am Samstag ging das Programm um 08.00h Uhr weiter, ohne Unterbruch bis Sonntagabend 17.00 Uhr. Von Samstag auf Sonntag herrschte also die ganze Nacht hindurch Rennbetrieb. Auch für die Teambegleiter und Mechaniker eine Herausforderung, man sah das denn auch am Sonntag in vielen Gesichtern. Die Le Mans Classic ist kein Event für Warmduscher, da werden Mensch und Maschine wirklich gefordert. Für uns Fotografen waren die Nächte natürlich spektakulär und lang, das erlebt man an den üblichen Events so nicht. Wir konnten es am nächsten Tag auch etwas ruhiger angehen, es stand ja insgesamt genügend Zeit zur Verfügung. Trotzdem waren die Nächte im Bett kürzer als sonst, dafür entstanden herrliche Bilder, wie hier vom Ferrari 312P.

Ferrari, 312P, Le, Mans, Classic, 2022

Le Mans Classic, 30. Juni bis 03. Juli 2022. Der Ferrari 312P im Nachtrennen

Die Vielfalt der Fahrzeuge war wirklich enorm. Was uns freute war das Plateaux 1 mit rund 75 Vorkriegsfahrzeugen. Das ist eine Kategorie, die es z.B. an der Hockenheim Historic nicht mehr gibt. Vereinzelt sieht man noch Fahrzeuge, mehr aber nicht. Dabei werden auch die ‚Vorkriegler‘ durchaus engagiert bewegt, wie die grün lackierten Talbot AV105, mit denen eine Gruppe Engländer startete. Die waren wirklich sauschnell unterwegs und führten das Feld an. Ebenfalls sehr flott bewegte Duncan Pittaway seinen Bugatti T35. Bei den jüngeren Fahrzeugen waren sicher die Ferrari bei den Zuschauern beliebt, da gab es auch einige Raritäten wie der oben gezeigte 312P, dann war ein 250 LM am Start – LM steht übrigens für Le Mans – ein 250 GTO war da, einige 512 BB LM, drei 250 GT SWB und der Serenissima-Ferrari 250 GT Drogo, auch genannt Breadvan. Dieses Einzelstück erlitt leider im letzten Rennen einen Unfall wobei der Wagen erheblich beschädigt wurde. Das ist allerdings nicht das erste Mal, der Wagen hatte am Nürburgring auch schon mal Feuer gefangen, wurde aber immer wieder repariert und instandgestellt. Auch der aktuelle Schaden dürfte wohl bald wieder repariert sein. Neben diesen hochkarätigen Fahrzeugen gab es auch Raritäten und Spezialitäten, die man oftmals erst auf den zweiten Blick erkannte, wie den ŠKODA Sport von 1949. Der ŠKODA Sport nahm 1950 beim 24-Stunden-Rennen in Le Mans teil und ist bis heute das letzte tschechische Automobil, das dort startete. Leider schied er damals wegen eines technischen Defekts nach 13 Stunden aus. Das wohl kurioseste und seltsamste Fahrzeug auf der Strecke war der Cadillac ‚Le Monstre‘, den Briggs Swift Cunningham 1950 für die 24 Stunden von Le Mans anmeldete. Der Cadillac verfügte über eine offene Karosserie, die Howard Weinman von Grumman Aircraft gezeichnet hatte. Der Wagen, den man an der Le Mans Classic 2022 sehen konnte, ist allerdings ein Nachbau, der unter der Regie von Derek Drinkwater entstand. Aber eines haben das Original und der Nachbau gemeinsam, sie sind wirklich hässlich, ziehen aber trotzdem die Blicke auf sich.

Le Mans Classic, 30. Juni bis 03. Juli 2022. Eine Form wie ein umgekehrtes Boot, der Cadillac ‚Le Monstre‘. Was wohl Luigi Colani über dieses ‚Design‘ dachte??

Le Mans, das ist nicht nur eine Stadt und die wohl berühmteste Rennstrecke der Welt, Le Mans ist auch Namensgeber für einige Bezeichnungen von Renn- und Sportwagen, wie den Ferrari 250 LM oder den Ferrari 512 BB LM, die eigens für Le Mans gebaut wurden. Die zwei Buchstaben LM findet man in vielen anderen Bezeichnungen von Rennwagen. Le Mans erlangte auch traurige Berühmtheit durch den schlimmsten Unfall in der Geschichte des Motorsports im Juni 1955, bei dem 84 Menschen starben. Dieser Unfall war in der Folge der Auslöser für das Verbot von Rundstreckenrennen in der Schweiz, welches erst im Juni 2022 aufgehoben wurde. Dann gibt es den Film ‚Le Mans‘ über das 24 Stunden-Rennen, 1970 gedreht mit Steve McQueen in der Hauptrolle. Der im Oktober 1971 uraufgeführte Film gilt als der berühmteste Film über den Motorsport und ist zudem ein Zeitdokument über den damaligen Motorsport. 2019 gab es eine Neuverfilmung mit dem Titel Le Mans 66 – Gegen jede Chance. Ebenfalls unzertrennbar verbunden mit Le Mans ist der Porsche 917, der ja auch im Film eine wichtige Rolle spielt. Leider waren nur zwei Fahrzeuge am Start, hier wäre ein Engagement von Porsche sicher wünschenswert. Ein weiterer Begriff aus der Welt des Motorsports ist der Le Mans-Start. Dabei werden die Fahrzeuge auf der Start- und Zielgeraden schräg in Fahrtrichtung nebeneinander aufgereiht. Die Fahrer stehen gegenüber und rennen beim Start über die Fahrbahn, steigen in ihr Fahrzeug und fahren los. Diese Form des Starts wird heute auch in anderen Veranstaltungen für historische Fahrzeuge praktiziert, aber eher als Show. Als Show wurde dieser Le Mans Start mit Kindern gemacht, eine Riesengaudi. LITTLE BIG MANS heisst das Spektakel. Zum Einsatz kommen verkleinerte Renn- und Sportwagen, die teilweise bis ins kleinste Detail dem grossen Vorbild entsprechen. Knapp 80 Kids starteten mit ihren kleinen Rennern.

Little, Big, Man

Le Mans Classic, 30. Juni bis 03. Juli 2022. Die kleinen Piloten und Pilotinnen machen sich bereit für den LITTLE BIG MANS

Wenn man sich für den historischen Motorsport interessiert, muss man die Le Mans Classic unbedingt einmal erlebt haben, dieser gigantische Event lässt keine Wünsche offen. Auch wenn die Eintrittspreise nicht gerade ein Schnäppchen sind und man für den Zutritt ins Fahrerlager ein zusätzliches Ticket benötigt, die Reise nach Le Mans lohnt sich dennoch. Für alle weiteren Informationen sowie die Ranglisten gibt die Webseite des Veranstalters Auskunft. Die nächste Le Mans Classic findet übrigens bereits nächstes Jahr statt. Aufgrund der 100 Jahr-Feier der Rennstrecke findet die Le Mans Classic deshalb bereits ein Jahr früher statt.

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Ein Kommentar zu „Le Mans Classic, 30.06. bis 03.07.2022

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