Vernasca Silver Flag, 19. – 21. Juni 2026

Es gibt zahlreiche Bergrennen in Europa, die erst in den letzten Jahren erstmals ausgetragen wurden und keinen historischen Hintergrund haben. Nicht so das Bergrennen Vernasca Silver Flag in Italien, etwas südlich zwischen Piacenza und Parma gelegen. Das erste Rennen fand bereits 1953 statt, die letzte ‚alte‘ Durchführung gab es 1972. Nach einer Pause fand dann 1996 das erste ‚moderne‘ Rennen statt, aber als Revival mit Fahrzeugen von damals. Der Veranstalter und Organisator ist der C.P.A.E – Club Piacentino Automotoveicoli d’Epoca. Vom 19. bis 21. Juni 2026 fand das beliebte Rennen, das eigentlich kein Rennen ist, bereits zum 30. Mal statt. Gefahren wird am Samstag zweimal, am Sonntag wird um 11.00 Uhr ein Lauf gefahren. Eine Zeitmessung gibt es nicht, es zählt der Spass und die Freude am Fahren mit alten Sport- und Rennwagen. Zugelassen sind grundsätzlich Rennwagen bis Baujahr 1972, es gibt aber Ausnahmen, wenn es sich um ein ganz spezielles Auto mit einer interessanten Geschichte handelt. Auch ein Sponsor darf ab und zu mit einem neueren Fahrzeug die Strecke befahren. So war ein 2006er Lamborghini Huracàn am Start oder ein sportlich getrimmter BMW Z3 M Coupé aus dem Jahr 1999. Beim Anblick denkt man, ist ja ein Neuwagen, ist aber immerhin auch schon 27 Jahre alt – so schnell vergeht die Zeit.

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Vernasca Silver Flag, 19. bis 21. Juni 2026. Aus dem Jahr 1999 stammt der BMW Z3 M Coupé, der schon längst ein Youngtimer ist.

Insgesamt waren knapp 200 Fahrzeuge am Start, ausschliesslich Sport- und Rennwagen, eine Motorradklasse gibt es nicht. Mehr Teilnehmer können nicht zugelassen werden, die Platzverhältnisse lassen das nicht zu, selbst bei dieser Teilnehmerzahl haben auf dem Dorfplatz oben im Zielort Vernasca nicht alle Fahrzeuge Platz. Unterteilt sind die Fahrzeuge in verschiedene Klassen wie Gran Turismo, Turismo, Sport, Sport-Prototipo, Monosposti, Vorkriegsfahrzeuge und eine spezielle Gruppe mit ehemaligen Rallyefahrzeugen. Natürlich machen italienische Fahrzeuge den absolut grössten Teil aus, was auch verständlich ist. Wer ans Vernasca Silver Flag fährt um dutzende Porsche 911 zu erleben, würde bitter enttäuscht. Genau 7x steht der Name Porsche auf der Teilnehmerliste 2026, 3 davon waren Fahrzeuge aus der Schweiz, Peter Leuthardt’s 962 Johnston, Peter Hänggi und Urs Erbacher je mit einem 911 RSR by Erbacher. Eines der interessantesten Fahrzeuge war auch dieses Jahr wieder der Porsche 910 des Deutschen Bernd Becker. Der 1967 gebaute Rennwagen mit der Chassisnummer 013 ist seit Jahrzehnten in seinem Besitz, Becker nimmt jedes Jahr an vielen Anlässen teil mit dem Wagen, der noch immer im Originalzustand ist. Sehr gut vertreten am Vernasca Silver Flag ist immer die Marke Abarth, die ein hohes Ansehen geniesst. Ein Preis ging denn auch an einen Abarth, den 750 GT Corsa Zagato von Rénald Egloff aus Küssnacht am Rigi für den bedeutendsten Abarth im Starterfeld, herzliche Gratulation. Dann gibt es jedes jahr ein spezielles Thema, das kann eine Marke sein oder ein Fahrer. Dieses Jahr stand das 30. Vernasca Silver Flag im Zeichen von Sandro Munari – ‚omaggio a Sandro Munari‘.

Sandro Munari bei der Siegerehrung am Vernasca Silver Flag 2016

Sandro Munari war ein Rallyefahrer, der zusammen mit seinem Beifahrer Mario Mannucci zahlreiche Siege, vor allem auf Lancia, einfahren konnte. Munari gewann fünf Mal die Rallye Monte Carlo, wurde 1973 Rallye-Europameister und 1977 erster inoffizieller Rallye-Weltmeister. Vor 10 Jahren war er am Vernasca Silver Flag noch anwesend, war aber schon von seiner Krankheit gezeichnet. Dieses Jahr  verstarb er 85-jährig am 27. Februar in Bologna. Seine Frau Flavia ist sehr gut mit Ela Lehmann befreundet und wir haben mit ihr zusammen schon viel erlebt. Flavia war ebenfalls anwesend und bekam 2 Preise überreicht. Einen davon gab sie weiter an Christian Geistdörfer, der zusammen mit Walter Röhrl zwei Mal Rallye-Weltmeister wurde. Christian fuhr ebenfalls mit einer Legende auf Rädern, dem Audi S1 der damaligen Gruppe B, ein Monster, das nur wenige beherrschten.

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Vernasca Silver Flag, 19. bis 21. Juni 2026. Flavia Munari und Christian Geistdörfer

Der Event begann offiziell schon am Freitag mit dem Bezug des Fahrerlagers und der technischen Abnahme. Viele reisten bereits am Donnerstag an, auch wir, so hatte man viel Zeit für Gespräche mit Freunden. Das Zwischenmenschliche spielt am Vernasca Silver Flag eine grosse Rolle, da geht es nicht um Prahlerei und Wichtigtuerei, man will es einfach schön und gut haben. Am Samstag folgt dann der erste von insgesamt 3 Rennläufen. Hektik ist ein Fremdwort, so findet das Fahrerbriefing um 10.30 Uhr statt, gestartet wird um 11.00 Uhr. Es starten sämtliche Teilnehmer im Abstand von ca. 30 Sekunden, wenn ein ganz besonderes Fahrzeug oder ein bekannter Fahrer zum Start rollt, kann der Speaker Daniele Turrisi auch schon mal 2 Minuten erzählen, denn Zeit hat man genügend. Wenn alle Fahrzeuge oben in Vernasca sind, folgt die geführte Rückkehr ins Fahrerlager in Castell‘ Arquato, wo man im zugeteilten Restaurant das Mittagessen einnimmt. Eine gute Idee, so haben die Gaststätten des Austragungsortes auch ihren Anteil. Auch für das Mittagessen ist die zeit reichlich bemessen, denn der zweite Lauf folgt um 15.30 Uhr. Nach der Rückkehr macht man sich schön für das Galadiner, das oben auf der Piazza del Municipio stattfindet. Die historischen Mauern bilden ein fantastisches Ambiente, das mit einem grossen Feuerwerk und Musik unterstrichen wird. So klingt der erste Tag aus und nach einem letzten Bier folgt die Nachtruhe.

Vernasca Silver Flag 2026

Vernasca Silver Flag, 19. bis 21. Juni 2026. Italianità pur, so lässt sich gut leben. Das Galadiner am Samstagabend wird in Castell‘ Arquato oben auf der Piazza del Municipio serviert.

Der Sonntag verläuft gleich wie der Samstag, allerdings mit nur einem Lauf, der eine halbe Stunden früher gestartet wird. Nachdem alle in Vernasca angekommen sind, gibt es ein gemeinsames Mittagessen und die Siegerehrung. Natürlich gewinnt nicht der oder die Schnellste, nein, es geht eher um Historie oder Schönheit, des Autos natürlich. Ein Jury wählt einige Fahrzeuge oder auch Persönlichkeiten aus, die eine Auszeichnung erhalten. Christian Geistdörfer und Flavia Munari haben wir bereits erwähnt, es waren aber auch weitere prominente Fahrer anwesend. Thierry Boutsen, von 1983 bis 1993 in der Formel 1 am Start und ebenfalls im Langstreckensport sehr erfolgreich, pilotierte am Vernasca Silver Flag einen De Tomaso Pantera. Einer, der auch nie fehlen darf, ist der Cowboy unter den Rennfahrern, eine Legende des Motorsports. Arturo Merzario, ein immer gern gesehener Gast, freundlich und zuvorkommend. Auch ihn kennen wir seit vielen Jahren und freuen uns, ihn in 3 Wochen, am 21. Juli 2026 am Indianapolis in Oerlikon auf der Offenen Rennbahn in Zürich-Oerlikon wieder zu sehen. Auch jedes Jahr mit von der Partie in Vernasca ist der Deutsche Jürgen Barth, der ebenfalls auf eine lange Motorsportkarriere zurückblicken kann. Er fährt jeweils seinen roten Jaguar XK 120 OTS. Alle diese Stars sind aber nicht in einem abgeschotteten VIP-Bereich, denn den gibt es am Vernasca Silver Flag nicht einmal. Nein, man kann mit all diesen Persönlichkeiten reden, diskutieren oder auch etwas trinken, ganz locker und entspannt. Das gibt es so nur an ganz wenigen Events. Locker und entspannt geht es auch auf der Strecke zu und her. Ein Rennen ist es nicht, es gibt keine Zeitmessung, keine Rangliste, es zählt einzig und allein der Spass. Es gibt auch keine Helmpflicht oder Vorschriften bezüglich Rennanzug und feuerfeste Unterwäsche. Das alles braucht es nicht. Man darf auch einen Beifahrer oder eine Beifahrerin mitnehmen und wer einen Hund hat und niemand, der auf ihn aufpasst, kann ihn einfach mitnehmen.

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30. Vernasca Silver Flag, 19. bis 21. Juni 2026. Roberto Crippa im Ferrari 340 MM hatte gerade niemanden, der auf den Hund aufpasste, also durfte das Hündchen mitfahren. Das gibt es nur am Vernasca Silver Flag.

Schnell waren die 3 Tage vorbei, es war heiss, sehr heiss, fast 40 Grad zeigte das Thermometer, da muss man sich als Fotograf an der Strecke gut vorbereiten, vor allem braucht es viel Wasser. Aber alles kein Problem, wir machten das ja nicht zum ersten Mal. Aber auch die Fahrer litten und manch einer zog die Shorts dem Rennkombi vor. Es liegt ja in der Verantwortung des Fahrers und wenn es um nichts geht, muss man auch keine unnötigen Risiken eingehen. So gab es keine Zwischenfälle, die direkt mit dem Event zu tun hatten. Offenbar hatten einige Zuschauer etwas Mühe mit der Hitze, aber auf der Strecke gab es nur ein abgerissenes Rad an einem Alfa Romeo Spider zu beklagen. Wenn man aber an Radmuttern spart, ist man selber schuld. Am schon stärker gebrauchten Alfa Romeo war ein Rallyeschild Peking – Paris angebracht. Als ein Zuschauer aus dem Tessin dieses Schild sah meinte er, wenn er so von Peking nach Peris gefahren ist, hat die Fahrt lange gedauert. Blöd war, dass der Alfa Spider innen in der Linkskurve stand und mit Hilfe der Zuschauer an den Strassenrand gehoben werden musste. Bergen konnten man den Wagen während des Laufs nicht, was nicht ganz ungefährlich war. Trotz gelben Flaggen und Warndreieck versuchten einige Teilnehmer noch vor der Kurve zu überholen, merkten aber noch rechtzeitig, dass das nicht möglich war. Ging alles gut, dank der Disziplin der Fahrer. Ich stand oben genau in dieser Kurve, Ela war Copilotin bei Fritz Lehensteiner im Audi Quattro und ich rief sicherheitshalber an und wies auf die Gefahr hin. Solche kleinen Zwischenfälle können auch schlimme Folgen haben, aber auch hier verlief alles sehr geordnet und organisiert.

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30. Vernasca Silver Flag, 19. bis 21. Juni 2026. Fritz Lehensteiner, Chef des Salzburgrings und Ela Lehmann vor dem Start.

Das Bergrennen Vernasca Silver Flag ist auch immer gut für Überraschungen, wie dieses Jahr. Es waren gleich 4 Alfa Romeo TZ vertreten, ein TZ 1, ein TZ2 und gleich zwei TZ3. TZ steht für Tubolare Zagato, was soviel heisst wie Gitterrohrrahmen made by Zagato. Wir werden in den kommenden Wochen einen Bericht über diese Fahrzeuge verfassen hier aber die Kurzform. Vom TZ1 wurden rund 100 Fahrzeuge gebaut, vom TZ2 gab es 12 Stück, dann liess sich ein Sammler aus Deutschland einen TZ3 auf Basis des neuen 8C bauen, genannt TZ3 Corsa. Corsa deshalb, weil das Fahrzeug keine Strassenzulassung hat. Aus diesem TZ3 Corsa entstanden dann 9 weitere TZ3 mit Strassenzulassung, die auf der Dodge Viper basieren. Einer davon, der gelbe, gehört Thomas Rutishauser aus der Schweiz und er fragte mich, ob es eine Möglichkeit gäbe, alle 4 Alfa Romeo TZ auf einem Bild zu vereinen. Nicht nur bei Toyota ist nichts unmöglich, wir organisierten kurzerhand in Vernasca auf dem Dorfplatz ein Fotoshooting. Nicht ganz einfach, denn der rote TZ3 ohne Strassenzulassung hätte eigentlich mit Polizeiführung zurück nach Castell‘ Arquato gefahren werden müssen, aber ganz so eng hatte man das dann nicht gesehen.

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30. Vernasca Silver Flag, 19. bis 21. Juni 2026. Von links: Alfa Romeo TZ1, TZ2, TZ3 Corsa und TZ3

Wir kommen langsam zum Ende dieses Berichts, es fehlen aber noch zwei Personen, die einfach dazugehören. Der eine ist Roberto Corno, der wahrscheinlich an den meisten Vernasca Silver Flag der Geschichte teilgenommen hat. Meistens geht er mit seinem Fiat 501S, genannt Fifi, aus dem Jahr 1922 an den Start. Dann wie jedes Jahr natürlich ‚unser‘ Polizist oben in Vernasca, Samuele. Er ist immer dafür besorgt, dass wir einen Parkplatz haben. Vielen Dank Samuele. Und ganz zum Schluss möchten wir allen, die diesen absoluten Spitzen-Event jedes Jahr auf die Beine stellen, unser herzliches Dankeschön aussprechen. Grazie Claudio Casali. Alle weiteren Informationen gibt es auf der Webseite des Veranstalters.

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30. Vernasca Silver Flag, 19. bis 21. Juni 2026. ‚Unser‘ Polizist, Samuele, hat oben in Vernasca immer alles souverän im Griff.

Fredi Vollenweider, Ela Lehmann, 29. Juni 2026

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