Was darf man mit einem klassischen Fahrzeug?

 

Am 1. und 2. Februar 2020 fand im österreichischen Zell am See das 2. GP Ice Race statt, wir haben darüber berichtet. Ein aus Sicht der Oldtimerszene in einem gewissen Sinne fragwürdiger Event, das muss man zugeben. Zum Fahren kam man nicht wirklich, wer es nicht ins Finale schaffte, konnte sein Schmuckstück nach 2 Runden wieder im Fahrerlager parken, das war’s dann für den Tag. Wie üblich kursierten viele Bilder auf den Sozialen Medien, vor allem auf Facebook. Auch wir zeigten einige besonders spektakuläre Bilder, wie den March Formel 1 von 1974, in der charakteristischen orangen Jägermeister-Lackierung, mit dem Hans-Joachim Stuck damals in der Formel 1 debütierte. Für das GP Ice Race wurde der Wagen mit Spikes-Reifen, auf der Hinterachse sogar mit Zwillingsbereifung, ausgerüstet, und höher gesetzt, sonst hätte er bestenfalls als ‘Schneepflug’ eine eher schlechte Figur gemacht. Strietzel Stuck bewegte den Wagen mit einer gehörigen Portion Vorsicht einige Runden um den 600 Meter langen Kurs, ohne weitere Fahrzeuge auf der Strecke. Es waren reine Demonstrationsrunden, ohne Zeitmessung, es ging einzig und alleine um das Spektakel zur Freude der rund 16’000 Zuschauer – und auch Hans-Joachim Stuck.

GP Ice Race, Zell am See, 1. und 2. Februar 2020. Hans-Joachim Stuck mit dem March F1 von 1974 bei seiner Fahrt auf der Eispiste

GP Ice Race, Zell am See, 1. und 2. Februar 2020. Hans-Joachim Stuck mit dem March F1 von 1974 bei seiner Fahrt auf der Eispiste

Schon bald kamen in den Facebookposts erste Kommentare wie dieser:

Muss man solch seltene Rennautos auf dem Eis verheizen? Versteh ich nicht. Es gibt so viel Schrott auf den Strassen denen man da den Rest geben kann-aber doch keine historischen Rennautos.

oder

Fahren ja,aber ist ein Ice Race artgerecht für ein Formel 1 Auto? Anscheinend hab ich da was verpasst.

Das sind natürlich Meinungen und Ansichten, die man verstehen kann, denn Formel 1 Autos sind wirklich keine Autos für Schnee und Eis, sie wurden für Rundstrecken gebaut, wo man sie ‘artgerechter’ bewegen kann. Bezüglich ‘verheizen’ kann hier noch erwähnt werden, dass die Belastung für diesen Rennwagen während einer Runde auf dem Hockenheimring unter Rennbedingungen sicher viel grösser und risikoreicher ist, als die 5 Demo-Runden am GP Ice Race.

Ein weiteres Fahrzeug im Startfeld war ein Alfa Romeo 8C 2300 Monza von 1934, der ebenfalls seine Runden auf dem Eis drehte. Kontrolliert und ohne unnötigen Risiken. Als Fotograf freut man sich natürlich, denn das gibt Bilder, die man so nur selten machen kann.

Alfa, Romeo, 8C, 2300, Monza, GP, Ice, Race

Der Alfa Romeo 8C 2300 Monza von 1934 am GP Ice Race in Zell am See

Auch hier schon bald Kommentare wie:

Hoffentlich ist das ein Pur Sang! (Anmerkung: Pur Sang ist ein Hersteller in Argentinien, der Nachbauten, auch Recreations genannt, von Bugatti, Alfa Romeo und anderen Fahrzeugen macht)

Auf die eher scherzhaft gemeinte Antwort des Verfassers, es hätte ja kein Salz auf der Piste gehabt, kam die Antwort:

Weil man keine historisch wichtigen Auto-Ikonen für Kinderkram riskiert. Alfa 8C in Monza-Konfiguration gab es nur zehn Exemplare. Dann doch lieber ein argentinischer Nachbau! Sonst kann ich mir gleich mit der Mona Lisa den A….h abwischen.

Auch das ist wieder eine Meinung, die man haben darf. Ob dieser Alfa nun echt ist oder nicht, sei dahingestellt. Nehmen wir an, es sei eines der 10 gebauten Originale, darf man sowas wirklich nicht machen? Wenn der Besitzer keine Bedenken hat, sollte doch alles OK sein. Wenn nicht, dürften diese Autos auf keiner Rennstrecke der Welt mehr fahren, auch nicht an Events wie der Mille Miglia usw., dann wären diese teuren Autos wirklich nur noch für Investoren und Spekulanten von Interesse. Um einem möglichen Wertverlust des Portfolios vorzubeugen, würden diese Rennwagen eben nicht mehr bewegt, sie wären irgendwo eingelagert und nur noch für diese fragwürdige Klientel wichtig, weil sie einen Teil ihres Vermögens darstellen.

Die Diskussion, ob Oldtimer als Kulturgut gelten sollen, geht in eine ähnliche Richtung. Es könnte durchaus sein, dass dann Einschränkungen bezüglich des Gebrauchs von Oldtimern zu befürchten wären, besonders für ‘kulturhistorisch wichtige und wertvolle Fahrzeuge’. Aber wo würde man abgrenzen? Für den Schrauber, der seinen Brezelkäfer pflegt, der schon seinem Grossvater gehörte, bedeutet sein Auto sicher mehr, als irgend ein teures Luxusauto. Nur Seltenheit ist nicht gleichzeitig auch wichtig, sonst wären viele Autos, die einst von kleinen Firmen mit viel Aufwand, Mühe und Kosten, gebaut wurden, unbezahlbar.

Caruna, spider, Peugeot, 504, V6, Targa

Vom caruna spider und dem Peugeot 504 V6 Targa entstand nur je 1 Fahrzeug, es sind also beides Einzelstücke.

Würde man künftig an Oldtimerrennen nur noch Nachbauten einsetzen, wären es ja eigentlich keine Oldtimerevents mehr und dann geht die Diskussion los, wie man mit diesen Autos, die mit den Originalen nur die Optik gemeinsam haben, umgehen soll. Oder man verzichtet irgendwann auf Rennen und veranstaltet nur noch Events, wo die Autos in klimatisierten Transportern aufs Gelände gefahren werden. Dort kratzt man dann mit kleinen Bürsten und Wattestäbchen noch die letzten Staubkörner aus dem Reifenprofil und bringt ein paar Schilder an mit der Aufschrift  ‘Please don’t touch’. Auch dafür gibt es Liebhaber, die soll es auch geben, jeder darf sich anschauen, was er will. Wir finden, Rennwagen gehören auf Rennstrecken, wo sie gefahren werden. Sicher mit der nötigen Vorsicht. Und wenn doch einmal etwas kaputt gehen soll wie am Beispiel des Alfa Romeo, kann der Besitzer beruhigt sein, denn bei Pur Sang in Argentinien kann man das Teil einfach bestellen oder anfertigen lassen. In diesem Sinne sollte man da nichts überbewerten und Freude haben an den historischen Fahrzeugen und sie für das einsetzen, für das sie einst gebaut wurden, zum Fahren. Auch wenn es ausnahmsweise ein historisches Formel 1 Fahrzeug mit Spikes und Doppelbereifung sein sollte.

 

5 Gedanken zu „Was darf man mit einem klassischen Fahrzeug?

  1. Hallo Fredi,
    sehr interessantes Thema hier. Auch ich frage mich manchmal wie bei gewissen Autos ein Oldtimer-Status bei der MFK zustande kommt. Ein Prüfer kann doch unmöglich sehen was bei einem solchen Fahrzeug alles noch “original” ist. Alles was sich im innern des Motors befindet ist nicht einzusehen. In Zündverteilern werkeln heute gut versteckt elektronische Zündungen. Bei Limora werden ganze Chassis verzinkt und überlackiert als “original” angepriesen. Tanks und Auspuffanlagen in V4A sind bald üblich.Räder werden neu in anderen Materialien nachgefertigt.Ganze Lederausstattungen in Neu! dies nur ein paar Beispiele. Ein Prüfer müsste da jedes Teil einzeln begutachten. Vieles ist nach der Montage gar nicht einsehbar. Auch glaube ich, dass selbst Ferrari-Classiche nicht mehr alle Teile selber verfügbar hat und Nachfertigen muss. Da reden wir doch von Neuteilen, die meist auf neuen CNC-Maschinen gefertigt werden, da sie sonst ja unbezahlbar währen. Sind sie ja teilweise heute schon. Als Ferrari-Fahrer kann ich ein Lied davon singen. Die Autos sind nach dem Verlassen der Ferrari-Classiche neuer als neu. So wurden sie damals nie und nimmer ausgeliefert! Also die Diskussion um Original oder nicht habe ich inzwischen längst aufgegeben. Ich glaube nur was ich sehe und zu belegen ist. Fotos oder eine richtig schöne Patina. Trotzdem das Kapitel wird noch viel zu Reden geben.
    Oelige “originale Grüsse vom Berg”
    SQUADRA BIANCO AZZURRO, Roland Hufschmid, 6024 Hildisrieden

    • Hallo Roland

      Wir glauben auch, dass Originalität eine weniger grosse Rolle spielen wird bei immer jüngeren Klassikern mit einer enormen Teilevielfalt. Will man fahren, muss man oft Kompromisse eingehen, soweit der Gesetzgeber diese auch zulässt. Wie Du sagst, der Gesprächsstoff wird nicht so schnell ausgehen. Wir wünschen Dir einen guten Start in die neue Woche.

      Herzliche Grüsse
      Fredi + Team DREAM-CARS.CH

  2. Spannendes Thema, Fredi. Mich interessiert in dem Zusammenhang folgendes: Ab wann verliert ein
    Gegenstand (in unserem Fall ein historisches Fahrzeug) seine Identität, wenn Teile*, oder gar alle Komponenten, ausgetauscht werden? Diese Frage ist unbeantwortet! Siehe: http://bit.ly/smvcsc20201.

    Weitergehende Informationen finden sich hier (fand die nur in Englisch):
    https://en.wikipedia.org/wiki/Ship_of_Theseus. Dort fiel mir besonders das Kapitel: “Non-atomic logic” auf. Es geht, wie der Wikipedia-Link zeigt um das Schiff des Theseus, aber solche Fälle haben wir auch bei unseren historischen Fahrzeugen, wie ich gerade wieder von einem http://www.FIVA.org Kollegen erfuhr.

    * Du schreibst: “Und wenn doch einmal etwas kaputt gehen soll wie am Beispiel des Alfa Romeo, kann der Besitzer beruhigt sein, denn bei Pur Sang in Argentinien kann man das Teil einfach bestellen oder anfertigen lassen. “

    • Sali Ruedi

      Danke für Deine Ausführungen. Anlässlich des Infotages des SCR vom 23. Januar in Safenwil ging es genau um dieses Thema. Wann ist ein Fahrzeug noch original. Original ist es nur dann, wenn es die Fabrik verlässt. Ab da beginnen mit dem ersten gefahrenen Kilometer Verschleisserscheinungen. Spätestens beim ersten Werkstattbesuch wird das Fahrzeug in irgendeiner Form verändert. Selbst mit dem Ersetzen einer Scheinwerferbirne wäre das Fahrzeug nicht mehr original, auch wenn es die genau gleiche Birne ist. Aber es ist eben nicht mehr die, die vom Werk eingesetzt wurde. Würde man so den Originalzustand definieren, gäbe es keine Oldtimerszene bzw. niemand müsste sich mit viel Aufwand darum kümmern, was original ist.

      Jeder Hersteller stellt nach einer gewissen Zeit die Produktion von Teilen ein, weil kein Bedarf mehr vorhanden ist – man könnte auch sagen – kein Geld mehr zu verdienen ist. Diese Aufgabe übernehmen zunehmend Firmen, die sich auf Nachfertigungen spezialisieren. die einen gut, andere aus Fernost eher weniger gut. Gäbe es das alles nicht, würden heute mindestens 95% aller Old- und Youngtimer nicht mehr fahren oder bekämen keine Zulassung mehr.

      Zum Thema Alfa Romeo und Pur Sang ist es tatsächlich so, dass man so einen Alfa Romeo kaufen kann als absolut perfekten Nachbau. Da braucht es wirklich viel Sachverstand und Kenntnis, um das erkennen zu können. Den Originalitätsfetischisten läuft es da sicher kalt den Rücken hinunter, aber lieber ein originaler Alfa Romeo 8C der mit einem Pur Sang Zylinderkopf fährt, als ein noch originaler, der nicht mehr fährt.

      Darüber könnte man tagelang diskutieren aber wir denken, eine richtige Portion Toleranz ist angebracht, sonst stirbt das schöne Oldtimerhobby ganz schnell. Denn wenn es nur noch die ganz Reichen mit ihren ganz teuren Klassikern gibt, gibt es keine Events mehr, vielleicht noch Messen, aber ein Treffen mit 2 oder 3 Autos?

      Herzliche Grüsse
      Fredi

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