Besuch bei Franco Sbarro in Grandson, 23. März 2022

Franco Sbarro: Da kommen einem spontan extravagante und ausgefallene Autos in den Sinn, die seit vielen Jahren am Internationalen Automobilsalon in Genf gezeigt werden. Was aber genau steht hinter diesem Namen? Wir besuchten am 23. März 2022 zusammen mit Elio Crestani den Meister des Automobilbaus an seinem Domizil in Grandson und tauchten ein in die Welt der aussergewöhnlichen Autos, gebaut für Individualisten, denen ein Gefährt der Massenhersteller, wenn auch teuer und exquisit, eben doch zu normal und langweilig ist. Mal ehrlich, wer beachtet in Zürich beispielsweise einen Prosche 911 Turbo? Nicht viele, denn er fällt kaum auf. Und auffallen möchten doch etliche Zeitgenossen, die sich diesen Luxus leisten können. Eine Möglichkeit ist, sich bei Franco Sbarro ein Fahrzeug nach seinen Wünschen bauen zu lassen oder ein in Kleinstserie hergestelltes Meisterwerk auf Rädern zu bestellen. Ich besitze seit 1989 selber einen Sbarro, einen Windhound aus den frühen Achtzigerjahren, den ich damals als neuwertigen Gebrauchtwagen bei einem Händler kaufte. 

Sbarro Windhound mit 6.3-Liter Motor des Mercedes-Benz 600 und 300 SEL

Sbarro Windhound mit 6.3-Liter Motor des Mercedes-Benz 600 und 300 SEL. Insgesamt 18 Fahrzeuge in unterschiedlicher Konfiguration wurden gebaut. Dieser hat die Chassis-Nummer SW 106

Gehen wir aber zurück zur Person Franco Sbarro und fangen vorne an. Geboren wurde er am 27. Februar 1939 im italienischen Presicce. Er hatte schon als Kind Visionen und Träume, die er unbedingt verwirklichen wollte, sein Heimatland schien ihm dafür aber ungeeignet und so entschloss er sich, 1957 in die Schweiz auszuwandern. Da er technisch interessiert war und ihn schon damals Autos faszinierten, suchte er eine Anstellung in diesem Segment, was auch klappte. Schon bald lernte er Georges Filipinetti kennen. Filipinetti war ein Schweizer Unternehmer und war der Begründer der Scuderia Filipinetti sowie Botschafter von San Marino bei den Vereinten Nationen in Genf. Er absolvierte eine Ausbildung zum Wärmeingenieur im Industrie-Grossbetrieb seines Vaters und wurde einige Jahre später zum einflussreichsten Verkäufer für Ferrari in der Schweiz. Zur Förderung des Schweizer Rennsports gründete er 1961 die Scuderia Filipinetti, welche bald als einer der prestigeträchtigsten privaten Rennställe der Welt galt. Mit ihm gab er jungen Rennfahrern, wie beispielsweise den Schweizern Jo Siffert und Herbert Müller, im Automobil-Rennsport eine Chance. Für den jungen Franco Sbarro musste das Treffen mit Georges Filipinetti fast wie der Lottosechser gewesen sein, denn schon 1963 wurde er Chefmechaniker und wurde mit der Entwicklung und der Wartung von Rennsportwagen betraut. Für einen jungen Mechaniker sicher ein Traumjob und noch heute verbindet man die Namen Filipinetti und Sbarro. 1967 erhielt Franco Sbarro den Auftrag, einen Sportwagen zu entwickeln und zu bauen. Geplant war eine Serienfertigung, es blieb aber bei zwei Prototypen. Ansässig war die Scuderia Filipinetti im Schloss Grandson, dessen Eigner Filipinetti war. Östlich, etwas unterhalb des Schlosses gibt es einen Schuppen welcher der Scuderia Filipinetti als Werkstatt diente.

Scuderia, Filipinetti, Franco, Sbarro

Besuch bei Franco Sbarro in Grandson, 23.März 2022. Ela Lehmann, Franco Sbarro und Elio Crestani. Im Hintergrund der dreiteilige Schuppen. Das rechte Drittel war die Werkstatt der Scuderia Filipinetti. Es gab keine Heizung und der Vorplatz war noch nicht asphaltiert. Aus Platzmangel wurde oft im Freien gearbeitet.

Etwas später stellte das Team der Scuderia Filipinetti auf dem Platz unterhalb des Schuppens ein Zelt auf, welches ebenfalls als Lager und Werkstatt diente. In diesen einfachsten Verhältnissen entstanden 1966/67 die beiden Prototypen. Zu dem einen Prototypen erzählte uns Franco eine interessante Geschichte. Auf dem Gelände stand ein Shelby Daytona Coupé. Sbarro schaute sich die Silhouette mit dem wunderschönen Fliessheck an und hatte spontan die Idee, das Heck des eigenen Fahrzeuges genau so zu gestalten. Sbarro und seine Mechaniker bekamen von einem Bekannten Klebefolie aus einer benachbarten Firma. Damit beklebten sie das Daytona Coupé und machten aus der Heckpartie eine Form, die später als Negativform für den Filipinetti-Prototyp diente. So entstand auf einfache Art und Weise ein Teil des ersten eigenen Autos. Der Ideenreichtum ist Franco Sbarro bis heute geblieben. Beim Mittagessen fragten wir ihn, was ihn inspiriert, woher er seine Ideen hat und noch mit über 80 Jahren so kreativ ist. Ein Patentrezept konnte er uns nicht nennen, aber auf jeden Fall müsse man immer Augen und Ohren offenhalten.

Die Firma A.C.A. Sbarro bezog 1968 neue Räumlichkeiten an der Hauptstrasse in Grandson. Während vielen Jahren entstanden dort die berühmten und bekannten Fahrzeuge. Vor 30 Jahren, 1992, gründete Sbarro seine Designschule und schon 3 Jahre später wurde im französischen Pontarlier das Werksmuseum eröffnet. Für Franco Sbarro war der Internationale Automobilsalon in Genf immer sehr wichtig und er zeigte auf seinem Stand die neuesten Schöpfungen. Für Aufsehen sorgte Ende der Achtzigerjahre das nabenlose Rad, das Franco Sbarro 1989 auch in einem Motorrad einsetzte. In unserer Sammlung befindet sich ein Modell im Massstab 1:43.

Moto, Motorrad, Sbarro, 1, 43

1989 baute Franco Sbarro das Motorrad mit nabenlosen Rädern. Davon gibt es sogar ein Modell im Massstab 1:43

Am späteren Nachmittag besuchten wir die Werkstätten am aktuellen Ort und konnten einige Fahrzeuge bewundern. Einige davon sind ab dem 5. Juni in der autobau erlebniswelt in Romanshorn ausgestellt, denn bis zum 4. September findet dort die Sonderschau SBARRO Concept-Cars statt. Neben den Autos war auch die Sammlung von Fotos und Unterlagen höchst interessant. Dutzende Ordner, nach Jahren angelegt, dokumentieren das Schaffen von Franco Sbarro. Ein wirklich spannender Nachmittag ging viel zu schnell zu Ende und man hätte sich noch viel zu erzählen gehabt. Da wird es aber sicher noch Gelegenheiten geben. Danke Franco, dass Du und Deine Frau  Françoise sich die Zeit genommen haben, es war uns wirklich eine Freude.

A.C.A. Sbarro, Grandson

Besuch bei Franco Sbarro in Grandson, 23.März 2022. Françoise Sbarro, Elio Crestani, Franco Sbarro.

Erstellt am 20.05.2022, Fredi Vollenweider + Ela Lehmann

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