Bugatti Typ 29/30 Rennwagen 1922, #4008

 

 

Bei kürzlichen Recherchen in unserem Archiv sind wir auf ein Bild gestossen, das unsere Aufmerksamkeit erweckte. Es zeigt einen stromlinienförmigen Bugatti, aufgenommen am Grand Prix Bern Revival 2001. Es gibt viele Fahrzeuge, die man über die Jahre an verschiedenen Events trifft, nicht so dieser Bugatti, wir können uns nicht erinnern, ihn nach dem Grand Prix Bern noch einmal gesehen zu haben. Also begann die Suche nach dem Fahrzeug. Aufgrund der Kühlerform vermutet man einen Typ 13, auch Brescia, aber die Suche im Internet nach diesem Typ brachte keine passenden Ergebnisse. Nach dem Verwenden diverser Filter und Einstellungen entdeckten wir ein schwarz/weiss-Bild mit genau diesem Fahrzeug und der zugehörigen Legende Bugatti Type 29/30 ‚Grand Prix de Strasbourg‘ 1922. Wir stellen diesen höchst interessanten und sehr seltenen Bugatti hier genauer vor.

Bugatti 29/30 #4008

Der Bugatti Typ 29/30, versehen mit einer nachgebauten Karosserie ‘Grand Prix de Strasbourg’, hier am GP Bern Revival 2001 in Bern

Der Typ 29 war der Vorläufer einer äusserst erfolgreichen Modellreihe, die Bugatti für alle Zeiten zu den weltweit größten und bedeutendsten Herstellern von Renn- und Sportwagen werden lassen sollte. Das Projekt Typ 29 begann im März 1921 mit ersten Entwürfen für einen 8-Zylinder-Motor mit gepaarten Zylinderblöcken, die auf einem Kurbelgehäuse mit einer obenliegenden Nockenwelle montiert waren, die zwei Einlass- und ein Auslassventil pro Zylinder betätigte. Bis 1922 waren die Abmessungen des nun als Typ 30 bezeichneten Motors auf 60 mm x 85 mm angestiegen, was zu einem Hubraum von knapp zwei Litern führte. Somit passte dieser Motor ins neue Reglement des Grand Prix-Rennsports. Ab 1922 begann die Produktion einer Kleinstserie von 8 Zylinder-Rennwagen für den Rennsport. Da man im Rennsport erfolgreich sein wollte, wurden die Wagen ohne Rücksicht auf die Kosten auf höchstem Niveau gebaut. Insgesamt wurden 16 Vorproduktionsfahrgestelle hergestellt, erstmals mit Fahrgestellnummern in einer neuen Serie, beginnend mit 4001. Die produzierten Autos hatten eine verstärkte Vorderachse mit hydraulischen Bremsen an den Vorderrädern, eine Neuheit im Jahr 1922. Auch hinten hat der Bugatti Bremsen, aber nur über die Handbremse betätigt.

Der erste Renneinsatz erfolgte beim Grand Prix von Strassburg, unweit von Molsheim, man hatte also nicht weit. 4 Fahrzeuge mit einer strömungsgünstigen Verkleidung gingen an den Start und 3 der vier Fahrzeuge beendeten das Rennen mit der vollen Distanz über 60 Runden à 13,38 km, was einer Gesamtdistanz von 802,88 km entsprach. 18 Fahrzeuge waren am Start und die Bugatti belegten hinter dem siegreichen Fiat, der für diese Strecke 6 Stunden, 17 Minuten und 17 Skunden benötigte, die Plätze 2, 3 und 5. Der vierte Bugatti schied wie alle anderen 13 gestarteten Fahrzeuge aus, Grund war ein Motorschaden. Für Bugatti ein grosser Erfolg, auch wenn der Sieg an Fiat ging. Weniger erfolgreich verlief der Grand Prix von Italien auf dem neu erstellten Kurs von Monza. Pierre de Vizcaya wurde mit 4 Runden Rückstand zwar Dritter, aber die 3 anderen Bugatti haben wie viele andere Teilnehmer, das Rennen nicht angetreten.

Bugatti 29/30

Bugatti Typ 29/30, Chassis-Nr. 4008, am Grand Prix Bern Revival 2001

Nun zu dem hier vorgestellten Fahrzeug, das die Chassis-Nummer 4008 trägt. So, wie wir das Fahrzeug 2001 fotografiert haben, existiert dieses Auto nicht mehr. Das ist auch der Grund, weshalb es später an keinen Events mehr zu sehen war. Die Werks-Aufzeichnungen von Bugatti beschreiben jedes der 16 produzierten Fahrzeuge, von denen heute noch zwei bekannt sind, nämlich die Chassis-Nummer 4004 und eben 4008.

Wegen der Chassislänge von 2,55 Metern und der ursprünglichen Konfiguration als Zweisitzer, bezeichnet der weltbekannte Bugatti-Historiker Pierre Yves Laugier dieses Autos als “den ältesten 8-Zylinder-Sport-Bugatti und den einzigen Überlebenden der 8-Zylinder-Baureihe Typ 23”. der „Sport“ bezieht sich auf seine straßenorientierten Absichten, d. h. reine einsitzige Rennwagen wurden dabei nicht berücksichtigt. Laugier kam aufgrund seiner intensiven Recherchen über diesen Meilenstein in der Geschichte von Bugatti zu dieser Schlussfolgerung. Aufgrund von erhalten gebliebenen Aufzeichnungen über Nummernschilder, Besitzer und Besitzerwechsel konnte Pierre Yves Laugier so manches Rätsel in der Geschichte von Bugatti klären. So ist auch #4008 ein perfektes Beispiel für diese fast forensischen Arbeiten und Nachforschungen und haben wichtige Einblicke in die Geschichte dieses bedeutenden Bugatti gegeben. Wie in seinem ausführlichen Bericht, der nicht nur diesen, sondern alle Wagen dieses Übergangsmodells analysiert, sachlich dokumentiert ist, wurde #4008 am 16. November 1922 neu ausgeliefert. Nur dieses und ein weiteres Schwesterauto (#4010) wurden 1922 fertiggestellt und ausgliefert. Beide Autos erhielten eine Karosserie, wie sie heute noch mancher Typ 13 mit dem charakteristischen birnenförmigen Kühler trägt und für Sportwagen damals üblich war. Der spartanische Aufbau bestand aus einer Motorhaube, zwei Sitzen und einem hinter den Sitzen angeordneten Benzintank. Und dieser Benzintank ist nicht wie bei den bekannten Typ 13, auch Brescia, rund, sondern oval. Das wurde in den handschriftlichen Auslieferungspapieren auch so vermerkt. Interessanterweise wurde oval ohne e geschrieben, also nicht ovale, wie es in der französischen Sprache korrekt wäre.

Bugatti Type 29/30, 1922, #4008. Bildquelle Bonhams. Deutlich sieht man hier den ovalen Tank

Bugatti Type 29/30, 1922, #4008. Bildquelle Bonhams. Deutlich sieht man hier den ovalen Tank

Bei der Überprüfung dieser frühen Produktionsunterlagen stellte Herr Laugier fest, dass nur die Nummern 4008 und 4009 in den Bugatti-Aufzeichnungen als Rennwagen bezeichnet wurden, dafür sprechen auch die Bremsen an allen 4 Rädern. Die Geschichte von #4008 sieht in der Kurzform so aus: Am 15.11.1922 in Paris ausgeliefert, 1934 nach Lille verkauft, 1937 übernahm ein P. Villemagne den Wagen, 1968 an P. Salvan verkauft und später gelangte der Wagen in den Bseitz von C. Renel. Dann ging der Bugatti an den bekannten Bugatti-Spezialisten Uwe Hucke, es fehlten aber Teile des Aufbaus. Bilder belegen, dass der Wagen zuvor noch komplett und in der originalen Konfiguration war wie Motor Nr. 6, der Hinterachse Nr. 3 mit der Übersetzung 15×54 sowie weiteren gekennzeichneten Bauteilen. Aufgrund des damaligen Wissensstands und unter Berücksichtigung der Bugatti-Geschichte entschied sich Uwe Hucke, das Fahrzeug zu restaurieren. Im Zuge dieser Arbeiten wurde die zigarrenförmige Karosserie, wie sie die 4 Wagen am Grand Prix von Strassburg trugen, hergestellt und montiert. Das fertige Auto wurde dann in den Neunzigerjahren an einigen Ausstellungen, wie der Rétromobile in Paris, und Events gezeigt und eingesetzt. So auch am Grand Prix Bern Revival 2001. Wenn man sich die alten s/w-Bilder anschaut stellt man fest, dass bei der Nr. 5 auf der Fahrerseite ein Windabweiser montiert ist, ebenfalls ein kleinerer bei der Nr. 22. Die Nr. 18 und 12 haben keinen Abweiser, jedoch die nachgebaute Karosserie.

Uwe Hucke verkaufte Teile seiner Sammlung und so ging das Auto an den international renommierten Händler Christoph Grohe in der Schweiz. Dort wurden die Nachforschungen von Herrn Laugier abgeschlossen, und als ein zufälliger Fund von Kotflügeln, die ein früherer Besitzer anfertigen liess, wurde die von Hucke angefertige Karosserie wieder demontiert und eine weitere Karosserie in eher konventionellem Stil angefertigt. Letztendlich ging das Auto in britische Hände über und dann an den jetzigen Besitzer, einen leidenschaftlichen Sammler sehr feiner Vorkriegsautomobile, der sich besonders für “la marque” interessiert. Während dieser Zeit wurden die Nachforschungen von Monsieur Laugier abgeschlossen und es wurde klar, dass #4008 der älteste noch erhaltene Bugatti-Rennwagen mit einer zweisitzigen Karosserie ist. Diese Tatsache veranlasste den Besitzer, das Fahrzeug wieder in seine ursprüngliche Form, wie im November 1922 ausgeliefert, zurückzuversetzen. Die zweite gebaute Karosserie wurde also auch wieder entfernt und aufgrund von noch existierenden Originalfotos aus der damaligen Zeit wurde nach intensiven Studien erneut eine Karosserie gebaut, die aber bis ins kleinste Detail der ursprünglichen Karosserie entspricht. Wie man heute sieht, war dies ein unglaublicher Erfolg und nach mehrjährigen Arbeiten wurde der älteste zweisitzige 8-Zylinder-Renn-Bugatti beim Zoute Grand Prix Concours d’Elegance 2014 an der Nordküste Belgiens erstmals der Öffentlichkeit präsentiert, wo er von einer anspruchsvollen europäischen Jury bewertet und ausgezeichnet wurde.

Bugatti Type 29/30, 1922, #4008. Bildquelle Bonhams. Der schlichte und einfache Aufbau, wie bei der Auslieferung 1922

Bugatti Type 29/30, 1922, #4008. Bildquelle Bonhams. Der schlichte und einfache Aufbau, wie bei der Auslieferung 1922

Anlässlich einer Auktion von Bonhams am 14. August 2015 in Quail Lodge wurde der Bugatti Typ 29/30 für US$ 1.045.000 verkauft. Er trägt nun sein 4. Kleid, das aber vom ersten nicht zu unterscheiden ist. Die Geschichte am Beispiel dieses Bugatti Typ 29/30 zeigt, dass die Geschichte zu einem Fahrzeug wichtig ist. Der Grand Prix de Strasbourg fand am 16. Juli 1922 statt, der Bugatti Typ 29/30 mit der Chassis-Nr. 4008 wurde aber erst am 15. November 1922 ausgeliefert. Wären alle diese noch existierenden und aufgefundenen Unterlagen nicht mehr vorhanden, würde der Wagen womöglich noch heute mit der nachgebauten Stromlinien-Karosserie versehen sein und als echter ‘GP de Strasbourg-Wagen’ gelten. Dieses Schicksal blieb ihm glücklicherweise erspart. Spannend wäre zu wissen, wo die nachgebaute Stromlinien-Karosserie verblieben ist. Wenn einer unserer Leser etwas darüber weiss, bitte das Kommentarfeld unten benützen. Vielen Dank.

Fredi Vollenweider, 29.11.2018.Quellen: Wikipedia, Bonhams, gallica.bnf.fr, Bibliothèque nationale der France, Archiv DREAM-CARS.CH

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